Der Film kommt mit wenig Hollywood-Helden-Klischees aus und fixiert sich eher auf die wunderschönen Landschaftsaufnahmen und das Innenleben seiner Protagonisten. Erstaunt hat mich die Offenheit, mit der sie über ihre Erfahrungen und Ängste sprechen konnten.
Sehr umfangreich (über 60 Minuten) und empfehlenswert ist auch das Bonusmaterial auf der zweiten CD. Der Film wird dadurch ideal ergänzt. Als Joe zu den Filmaufnahmen an den Berg zurückkehrt, wird erkennbar, wie sehr ihn die Ereignisse geprägt haben. Zum Helden wurde er nicht nur durch das Überleben der vier Tage am Berg, sondern auch durch den harten Kampf, das erlebte Trauma zu verarbeiten.
Im Folgenden werde ich mich bemühen zwecks Spannungserhalts nicht alle Details zu verraten, werde also etwas "schwammig" bleiben.
Handlung:In dem 3-Personen-Stück geht es um die englischen Bergsteiger Joe Simpson und Simon Yates, sowie ihren Zufallsgehilfen Richard Hawking. Erstgenannte haben sich vorgenommen in den Anden eine Erstbegehung (Siula Grande 6356m) zu unternehmen. Die allerdings entpuppt sich als erheblich schwieriger als erwartet und dann - bereits zu diesem Zeitpunkt sowieso in erheblichen Schwierigkeiten - verletzt sich einer von ihnen auch noch schwer. Beim Versuch ihn abzuseilen geraten beide in Lebensgefahr und das Sicherungsseil wird mit einem Messer durchtrennt. Doch Tage später kriecht der Totgeglaubte ins Camp.
State:Wenn mir auch der Biss oder der Mut zum Extrembergsteigen fehlt, so habe ich selbst in Europa und Alaska doch bereits auf einigen 3000ern gestanden und auch in den "unteren" Regionen des Denali "rumgekrebst". Ich denke ich weis also worüber ich hier schreibe. So sehr diese Dokumentation auch fasziniert, so darf man nicht vergessen, dass Simpson und Yates von Beginn an Unklug und Unverantwortlich gegen sich selbst handelten. Ab einer gewissen Höhe/einem gewissen Schwierigkeitsgrad sowieso in latenter Lebensgefahr, besteigen sie unzureichend ausgerüstet einen Berg, von dessen Naturphänomenen sie offensichtlich Kenntnis hatten und wundern sich oben, dass die vorhergesagten besonderen Schwierigkeiten tatsächlich vorhanden sind. Statt dann aber ihr Vorhaben erst mal abzubrechen und zu einem späteren Zeitpunkt - besser ausgerüstet und vorbereitet - erneut anzugehen, machen sie weiter. Zu allem Überfluss wartet unten als einziger möglicher Helfer ein Mann, den sie gerade erst kennen lernten - ein Weltenbummler ohne jede Bergerfahrung. Hat wohl mit der Risikobereitschaft zu tun die mir fehlt.
Trotzdem kann man nicht umhin den drei Männern eine Menge Respekt zu zollen, denn abgesehen von den körperlichen Höchstleistungen, die zwei von ihnen vollbrachten, haben sie alle den Mut zur absoluten Wahrheit. In den Interviews, die die Filmhandlung begleiten, erzählen sie die Geschichte jeweils aus ihrer Sicht und sind dabei wirklich gnadenlos ehrlich - so ehrlich, dass man zumindest dem unerfahrenen Hawking gelegentlich den Hals umdrehen möchte. Alle 3 breiten ihre Fehler und persönlichen Unzulänglichkeiten ungeschminkt vor der Kamera aus, im sicheren Wissen, dass viele Zuschauer sie für ihre Taten, bzw. Unterlassungen verurteilen werden - aber auch im sicheren Wissen, das gerade die Frauen und Männer ihres Sports sie in einigen wichtigen Punkten verstehen werden.
Im Übrigen ist gerade der normalerweise "Spannungskiller" - Interviews während einer Spielfilmhandlung - ein großer Gewinn für diesen Streifen. Denn die Gesichter der Protagonisten werden in Großaufnahme gezeigt. Und während sie sich bemühen die Story relativ emotionslos zu erzählen, spiegeln gerade diese riesigen Gesichter - auch fast 20 Jahre nach den Geschehnissen - in ergreifender Tiefe vielfältige Emotionen wider.
Letztendlich ist der Film auch ein Lehrbeispiel aus den Sparten "Überlebenswillen" und "Extremerfahrung". Was der verunfallte Bergsteiger durchmacht, wie er das überhaupt durchhält, wird so detailliert gezeigt und von ihm erklärt - Wahnsinn, welche Torturen der (trainierte) Körper eines Menschen aushalten kann.Allerdings sollte man nicht vergessen, dass im Laufe der Jahre Ähnliches vermutlich auch viele andere Bergsteiger über einen ähnlich langen Zeitraum durchhielten, nur ist das nicht bekannt - denn sie hatten nicht das Glück zu überleben.
Umsetzung:In der die Interviews begleitenden spannenden Spielfilmhandlung agieren unter der bemerkenswert gut gelungenen Regie von Kevin Macdonald (Oscar für "Ein Tag im September") drei relativ unbekannte - aber absolut glaubhafte - Darsteller.Wunderschöne imposante Naturaufnahmen (gedreht wurde in den französischen Alpen und an Originalschauplätzen in Peru), hervorragende Kameraarbeit, stimmige Filmmusik und eine exzellentes Make-Up Team sorgen für eine perfekte Hintergrundatmosphäre.Schön auch, dass die Steigeszenen reale Techniken und nicht irgendeinen Blödsinn wie z. B. in "Vetical Limit" zeigen.
Die DVD:Das - obwohl oft mit Handkamera gedreht - sehr gute, nie zu beanstandende Bild liegt in anamorphen Widescreen im Verhältnis 1.85:1 vor.Den Ton gibt's in Deutsch und Englisch DD5.1, sowie in Englisch DTS5.1. Alle 3 Tonspuren sind absolut gelungen - Besitzer gut eingestellter Soundsysteme haben das Gefühl mitten in den Bergen zu sitzen.Der Film ist mit ausreichend großen deutschen Untertiteln versehen. Leider ist die deutsche Synchronisation nicht so gut geraten. Für sich allein gesehen absolut OK, stellt der englisch sprechende Cineast fest, dass die Originalkommentare aus unerfindlichen Gründen teils etwas entschärft und beschönigt wurden.An Extras enthält die erste DVD lediglich den O-Trailer, außerdem die zu "Mikrokosmos", "Deep Blue" und "Die weiße Hölle von Piz Palü"Die Bonus-DVD habe ich noch nicht ausgeliehen (wird umgehend nachgeholt), daher dazu keine Angaben.
Fazit: Unbedingt sehenswerte Spielfilmdoku
Tipps zu Thema:DVDs:Absolut unrealistisch aber spannend und mit sehr guten Extras (National Geographic) bestückt - "Vertical Limit" Ein für amerikanische Verhältnisse RELATIV realistischer Bergsteigerfilm ist "K2 - Das letzte Abenteuer". "Everest - Berg ohne Gnade" - der IMAX Dokumentarfilm ist ebenfalls sehr interessant - allerdings recht kurz geraten.Zum Schluss möchte ich noch das Buch "Die weiße Hölle" von Matt Dickinson empfehlen. Superspannend geschrieben vermittelt es trotzdem (ziemlich) realistisch ein Gefühl für die faszinierende Welt des Bergsteigens.