Die ersten hundertdreissig Seiten sind der Erstbesteigung im engeren Sinn gewidmet. Sie machen den besten Teil des Buches aus: Unpathetisch und spannend schildert Harrer die oft tötlich gescheiterten Begehungsversuche bis 1938 und schliesslich die erfolgreiche Erstbegehung. Auch einige der wichtigsten späteren Begehungen würdigt der Autor, wobei er die Protagonisten oft selbst zu Wort kommen lässt oder aus Berichten der Rettungswacht zitiert, wo eine Bertour tragisch zu Ende gegangen ist. Leider zerfasert die Erzählung in der zweiten Hälfte des Buches: Einzelne Gedanken, Geschichten und Einfälle werden aneinandergereiht, ohne dass ein Faden erkennbar würde. Längst geht es nicht mehr um die Geschichten des Eigers, sondern um das Bergsteigen und das Leben im Allgemeinen. Selbst zur Atomenergie und zum Müllproblem schlägt der Autor den Bogen. Man erhält den Eindruck eines altersweise gewordenen Erzählers, der, sympathisch zwar, aber doch ein bisschen langweilend, ein rechtzeitiges Ende des Buches nicht findet.
Insgesamt ist die Weisse Spinne, vor allem im ersten Teil, lesenswert und teilweise sehr spanned geschrieben. Ungeduldigen Lesern sei eine Abkürzung der Route nach Seite 290 empfohlen.
Kurzum: der mittlere und letzte Teil ist lediglich für den "Extrem-Harrer-Fan" zu empfehlen. Der erste Teil absolut faszinierend und toll geschrieben.
In Harrers Buch ist zu lesen: "Dieses Buch will der Wahrheit dienen. Es will nicht urteilen oder verurteilen, es will gewissenhaft berichten." Heinrich Harrer hat diesen Anspruch vollkommen erfüllt und ein Buch vorgelegt, dass zum Klassiker geworden ist. "Die Weiße Spinne" berichtet objektiv und aus vielen verschiedenen Blickwinkeln von allen wesentlichen Ereignissen in der Eiger-Nordwand im Zeitraum von 1935 bis 1964. Harrer hat in seine chronologische Schilderung viele Auszüge aus Zeitungsartikeln, Briefen, Äußerungen von Beobachtern der Nordwand eingebaut - sogar den Bericht eines englischsprachigen Journalisten hat Harrer in Originalsprache eingearbeitet, was zur Authentizität des Buches beiträgt.
"Die Weiße Spinne" ist ein spannendes, fesselndes, äußerst interessantes Buch, das nicht nur von der dramatischen Geschichte der Eiger-Nordwand erzählt, sondern auch von ihrer Schönheit. Harrers Werk ist "ein glänzender Beitrag zur Geschichte des Alpinismus" (Frankfurter Neue Presse) und kann sowohl dem Laien als auch dem Extrembergsteiger und -kletterer und erst recht denjenigen, die eine Besteigung des Eiger - ganz gleich von welcher Seite - planen, als lohnenswerte Lektüre empfohlen werden!