Das historische Prag unter König Rudolf und das Judenviertel bilden den Hintergrund für diesen Roman, der eine ungewöhnliche Konstruktion aufweist. Jedes Kapitel für sich ist Teil eines Puzzles, das sich Stück für Stück zu einem grandiosen bunten Panorama zusammensetzt und zu einer zeitlosen Geschichte um Geld, Macht und Liebe. Dabei ist jedes einzelne Kapitel eine perfekt geschriebene Novelle, die jedesmal ein kleines Kunstwerk ist.
Ein Buch mit solchem Tiefgang wurde nicht locker dahingeschrieben, das merkt man. Der Autor brauchte Jahrzehnte aber das Lesen ist eine Lust, denn die ganze Spannbreite des Lebens vom Humor bis zur Tragik ist darin erfaßt.
Ein großartiges Stück Weltliteratur - hat eigentlich sieben Sterne verdient.
Aber aus dem Zauber folgt nichts Gutes: Die Pest sucht Prag heim und Rabbi Loew sieht sich gezwungen ...
Doch das müssen Sie schon selbst lesen ;-).
Nein, Perutz ist nicht Zeitgeist, weder Pop-Literatur noch neudeutsche Weinerlichkeit und auch nicht bombastisches Historiengemälde, das dem Leser bestätigt, was er längst über die Vergangenheit zu wissen glaubt. Im Gegenteil, das ist magischer Realismus pur, wie ihn angeblich nur die Südamerikaner beherrschen, aber Perutz war ein deutscher Jude Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.
Er verquickt solide historische Tatsachen auf höchst eigene Art mit Sagen aus Prag, aus der Stadt der drei Nationen (Tschechen, Deutsche und Juden) und webt daraus einen Erzählteppich, der den Leser fesselt und am Ende sich fragen lässt: Was davon ist nun wirklich geschehen? Er zeichnet lebendige Personen, sein Stil ist unaufdringlich und er weiß seine Handlung aufzubauen.
Perutz war in den Zwanziger Jahren bekannt und beliebt, musste vor Hitler fliehen und starb in den Fünfziger Jahren weitgehend vergessen in Tel Aviv. Ein Beispiel mehr, was die deutsche Literatur durch Hitler und die Nazis verloren hat, welche Erzähltalente vertrieben wurden und - viel schlimmer! - erst nach Jahrzehnte versuchte man, sie zurückzuholen.
Und immer noch stimmt, was Alfred Polgar 1926 über Leo Perutz sagte:"Ich überschätze die Bücher des Leo Perutz nicht. Es sind spannende Erzählungen mit einem leuchtenden Kern, in denen Einbildungskraft und Ökonomie des Ausdrucks gepaart erscheinen. Sie vermitteln dem Leser kein neues Bild des Seins, reden kein Loch in den Bauch der Welt, helfen nicht über Tod, Dalles, glückliche und unglückliche Liebe. Sie versprechen dir nicht die Ewigkeit, aber sie erfüllen redlich die Stunde, in der du sie liest."
Die Menschen werden differenziert in all ihren Widersprüchen dargestellt, vom Kaiser bis zum Bettler. Wie im wirklichen Leben gibt es schlechtere und bessere Menschen, aber keiner ist nur gut oder ausschließlich böse. Wirklich glücklich ist und wird auch keiner, am ehesten hilft noch melancholische Heiterkeit. Eine entsprechende Grundstimmung durchzieht das Werk, welches hier unmöglich nacherzählt werden kann, sondern von jedem selbst gelesen werden sollte.
geht man nachts durch prag, hat man das gefühl, gleich einer seiner figuren begegnen zu können. ein buch, dass man vor, während und nach seiner pragreise lesen kann.Mosaikartig angelegter, genial konzipierter Roman Über drei Jahrzehnte schrieb Leo Perutz an seinem meisterhaften Roman, sechs Jahre allein benötigte er für die letzten beiden Kapitel, die die geniale Konzeption des Werkes erst sichtbar werden lassen. Zunächst muß das Buch dem Leser wie eine Novellensammlung erscheinen, und es fällt schwer, den Bezug herzustellen zwischen den einzelnen Erzählungen, die alle im alten Prag um das Jahr 1600 herum spielen und die nicht einmal in chronologischer Reihenfolge im Roman erscheinen. Die konstruktive Phantasie des Lesers ist also gefragt, um die sich überlagernden und sich kreuzenden Handlungsfäden in ein Sinn gebendes Bezugsnetz zu knüpfen. Die Schlüssel, die er benötigt, um das Verständnis für das Ganze aufzuschließen, findet der Leser im ersten, im siebten und im dreizehnten Kapitel.
Bei den im Roman auftretenden Personen handelt es sich fast ausnahmslos um geschichtliche Persönlichkeiten wie Kaiser Rudolf den Zweiten, den Astronomen Kepler oder den Wallenstein. In gewisser Hinsicht haben wir es hier also auch mit einem historischen Roman zu tun, der aber dem Leser die Historie fragmentarisch darbietet, in scheinbar nur lose zusammenhängenden Einzelbildern, so wie die Spuren der Vergangenheit sich auch dem forschenden Historiker darbieten. Bei Perutz ist die Geschichte häufig bestimmt von sich erfüllenden Prophezeihungen, von traumgeborenen Vorausdeutungen, die kleinen Zufälle, deren sich das Schicksal gern bedient, spielen eine Rolle. Realität und Traum, der im Werk fast einen leitmotivischen Charakter annimmt, sind untrennbar ineinander verwoben und all dies ist durchgeistigt von einer sublimen Ironie.
Die Sprache mag für einige "moderne" Leser am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig sein, doch schon bald fühlt man sich mittendrin im Geschehen, so als wäre man selbst dabei gewesen, alles ist lebensnah beschrieben, zudem genial konstruiert. Vom Inhalt selber möchte ich hier lieber nichts verraten.
Ein sehr lohnenswertes Buch. Ohne Einschränkungen zu empfehlen!
Im Roman ist die Karlsbrücke jenes steinerne Monument, unter dem sich die Schicksale kreuzen. Eigentlicher Held des Buchs und seiner labyrinthischen, kunstvoll verzahnten Struktur aber ist das untergegangene jüdische Prag des 16. und 17. Jahrhunderts mit seinen Winkeln und Gassen, überlieferten Sagen, kabbalistischen Erzählungen und merkwürdigen Gestalten. Ziel ist, dessen ebenso farbenfrohe wie tragische Geschichte lebendig werden zu lassen und derart gegen das Vergessen anzuschreiben -- so, wie der Ich-Erzähler es an Hand des einzig erhaltenen Gemäldes des Malers Brabanzio sinnfällig macht: "Es stellt einen Mann dar, der ihn einer Hafenkneipe sitzt, und zwei alte häßliche Weiber drängen sich an ihn heran, um ihn zu umarmen, und die eine ist, denk' ich mir, die Pestilenz, und die andere, grau wie ein Leichentuch, ist die Vergessenheit".
Zwischen den Weltkriegen zählte Perutz zu den meistgelesenen Autoren deutscher Sprache: 1949 erinnerte sich niemand mehr an ihn. "Die Zeitungen, die Kritik, die Verleger und die Literaturgeschichte registrieren mich als nicht mehr vorhanden", hielt Perutz resignierend fest -- um dann mit verhaltener Ironie hinzuzufügen: "Um so sicherer ist meine Auferstehung in 40 Jahren". Jetzt ist es an der Zeit, sich diesen Meister historisch-phantastischen Erzählens endgültig wieder ins Gedächtnis zu rufen. Nachts unter der steinernen Brücke ist genau das richtige Buch hierzu. --Thomas Köster