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Aufschreibesysteme 1800/1900
Friedrich Kittler

Fink (Wilhelm), 2003 - 504 Seiten

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Begibt man sich auf die Suche nach relevanten, aus dem deutschsprachigen Raum stammenden Beiträgen zur zeitgenössischen Literaturtheorie, so wird man früher oder später auf Friedrich Kittlers Habilitationsschrift `Aufschreibesysteme 1800/1900' stoßen. Dieser Text, gewiß einer der wirkungsmächtigsten Repräsentanten poststrukturalistischer oder posthermeneutischer Lektüreverfahren der letzten 15 Jahre, etablierte eine von der Diskursanalyse Foucaults und den Theoremen Jacques Lacans ausgehende medienorientierte Literaturanalyse als neues Paradigma in der akademischen Diskussion. Kittler untersucht in seiner Arbeit die als medienästhetische und -geschichtliche Umbruchsituationen gedeuteten Jahrhundertschwellen um 1800 und 1900 und konstatiert einen grundlegenden Wandel in ihren basalen Kulturpraktiken (von der Etablierung des Schriftmonopols bis zu dessen Sprengung), welche sich zum jeweiligen Aufschreibesystem addieren. Dieser den Aufzeichnungen des Nervenkranken Daniel P. Schreber entlehnte Terminus bezeichnet somit "das Netzwerk von Techniken und Institutionen [...], die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben". In seiner Analyse dieser Techniken und Institutionen stützt sich Kittler auf umfassende Materialpräsentation, insbesondere die Ausführungen zur Alphabetisierung durch den Muttermund in der Goethezeit oder zur medienästhetischen Relevanz der Psychophysik und Psychoanalyse verdienen große Aufmerksamkeit. Trotz subkutan präsenter konventioneller Muster und Verfahrensweisen sei der geneigte Leser dennoch gewarnt, denn die seinen poststrukturalistischen Vorgängern oft nachgesagte sprachliche "Dunkelheit" läßt sich in ihrem spielerischen Charakter auch bei Kittler wiederfinden.


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Medientheorie und Literatur - Originell und fundiert

Nietzsche wünschte sich eine Maschine, die ohne Umwege Gedanken zu Papier bringt; er kaufte sich eine der ersten Schreibmaschinen. Kafka war besessen von der Angst, wichtige Nachrichten könnten ihren Empfänger nicht erreichen; er informierte sich er sich bis ins Detail über die einzelnen Beförderungsetappen seiner Briefe an Felice und ihren Tagesablauf und stellte Pläne auf, wann welcher Brief von ihr geöffnet werden würde. Freud rühmte sich seines phonographischen Gedächtnisses und beantragte als einer der ersten Wiener einen Telefonanschluß. Künstler um 1900 waren Medienbegeisterte, Montagekünstler. Anders um 1800, als es eine Dichtergeneration gab, die aufgrund von Veränderungen im Erziehungssystem von Müttern alphabetisiert wurden, und zwar, im Gegensatz zu den auf Drill setzenden Lateinschulen, zum verstehenden Lesen. Kittler versucht anhand zahlreicher Beispiele (zusätzlich zu den oben genannten widmet er sich noch Goethe, Stefan George und Benn), die Unterschiede zwischen Literatur um 1800 und 1900 herauszuarbeiten. Etwa im Adressaten: Während besonders die Romantiker immer eine stille Leserin hatten, an die alles mit heiliger Hingebung gerichtet war, widmen sich die Künstler um 1900 hauptsächlich den Kanälen, durch die ihre Werke wandern. Oder in der Betrachtung von Worten: Während Klassiker und Romantiker immer den Sinn betonten und dem bloßen Wortlaut (der Bibel etwa, vgl. 1. Szene Faust I) kein Gewicht beimaßen, beschäftigt sich Dichtung um 1900 nur noch mit der Rekombination von sinnentleerten Worten. Die zahlreichen historischen Fakten, etwa zu Paradigmenwechseln in der Pädagogik, zu Sprachtheorien, psychiatrischen Experimenten und zur Entwicklung medialer Apperate (Schreibmaschine, Phonograph, Grammophon, Film) untermauern Kittlers bislang wenig verbreiteten Ansatz. Ein originelles Buch mit vielen Textbeispielen, das zudem noch außergewöhnlich gut geschrieben ist.


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