Edita Gruberova ist eine sehr gute Interpretin der Titelrolle. Als die Gruberova 1970 in Wien die Königin der Nacht in Mozarts "Zauberflöte" sang, war ein neuer Stern am Opernhimmel geboren. Sie ist wie geschaffen für die Rolle der Violetta Valery, denn ihre wundervolle Stimme bringt alle nötigen Vorraussetzungen mit, um diese Rolle, sowohl musikalisch als auch darstellerisch glaubhaft gestalten zu können. Gruberova besitzt eine sehr gute Koloraturtechnik und besonders die hohen Spitzentöne bis zum dreigestrichenen es werden mühelos und mit viel gesanglicher Brillianz ausgeführt. Gruberova ist wunderschön elegisch im "E strano! è strano!... Ah, fors'è lui che l'anima" und unglaublich virtuos und Höhensicher in der Cabaletta. "Sempre libera" sprüht nur so vor Lebensfreude und grandioser sängerischer Brillianz. Weiterhin bezaubert sie vor allem im großen Duett mit Giorgio Germont. Auch hier vermag sie durch gute Gesangstechnik und darstellerische Brillianz zu überzeugen. Wenn die Gruberova das "Dite alla giovine" singt, dann sollte eine Packung Taschentücher nicht weit weg liegen, denn besonders an dieser Stelle der Oper rührt sie einen immer wieder aufs Neue zu Tränen. Auch der letzte Akt dieses Werkes ist wundervoll, besonders traumhaft ist das "Addio del passato", da es ebenfalls sehr bewegend und anrührend dargeboten wird. Gruberova schwebt in herrlichen Pianotönen und ein Hauch von Schwermut und Traurigkeit liegt über jedem einzelnem Ton dieser Arie. Zum Ende der Oper überzeugt diese außergewöhnliche Diva ebenfalls mit überschäumender Dramatik und herzzerreißender Darstellung.
Neil Shicoff singt hier den Alfredo Germont und auch er ist wie für die Rolle gemacht. Seine Stimme ist weich und höhensicher. Auch Koloraturen und Auszierungen singt er musikalisch genau und sauber. Er brilliert ganz besonders in "Oh mio rimorso", seiner großen Arie im zweiten Akt des Werkes. Hohe Töne werden wunderschön und mit viel Stimmgewalt gesungen. Er schließt seine Arie ebenfalls mit einem grandiosen Spitzenton ab. Wundervoll ist ebenfalls das große Duett zwischen Violetta und Alfredo aus dem dritten Akt. Seine Darstellung ist zwar nicht so dramatisch wie die eines Carlo Bergonzi, aber dennoch sind durchaus dramatische Strukturen erkennbar. Er hat mich in dieser Aufnahme restlos überzeugt und seit dem zählt er auch zu meinen Lieblingssängern. Giorgio Zancanaro hat eine kleine, aber dennoch sehr klangschöne Stimme. Er ist für die Rolle ebnfalls gut geiegnet. Er ist im Duett mit Violetta besonders eindrucksvoll und all seine Vorzüge komen zur Geltung, so zum Beispiel auch seine hervorragende dramatische Darstellungsgabe. Die restlichen Darsteller sind allesamt sehr gut und das gesamte Ensemble legt eine überragende Leistung ab.
Chor und Orchster machen ihre Sache auch sehr gut. Carlo Rizzi leitet das London Symphony Orchestra mit viel Gefühl. Besonders die schöne Ouvertüre der Oper regt zum Träumen an. The Ambrosian Singers unter der Leitung von John Mc Carthy sind eine wunderbarer Opernchor und sie meistern alle Chorszenen sehr gut. Diese Aufnahme ist für mich die einzige Alternative zu der Aufnahme mit Callas und Alfredo Kraus von 1958. Greifen sie zu und lassen sie sich von den wunderbaren Sängern verazbern!
Die Gruberova hört man gewohnt perfekt in musikalischer Diktion und Treffsicherheit der Töne, selbst an schwierigsten Stellen, ergreifend in den lyrischen Passagen, rührend in ihrem Verzicht auf Alfredo, eine Idealbesetzung.
Neil Shicoff, als Alfredo in seiner Liebe zu Violetta verfallen, transportiert Gefühle genauso vollkommen. Man hört, daß die beiden kurz vor der Aufnahme in diesen Rollen gemeinsam auf der Bühne standen.
Giorgio Zancanaro ist sehr eindringlich in seiner Forderung, die das Glück seiner Tochter vom Verzicht einer Kurtisane abhängig macht; er bringt seine Sorgen über die durch Alfredo's Liaison mit Violetta gefährdete Hochzeit ebenso wirkungsvoll zum Ausdruck wie seine Bewunderung über Violeta's letztendlichen Verzicht auf Alfredo.
Die Nebenrollen sind mit zur Zeit der Aufnahme (1992) jungen Künstlern tatellos besetzt.
Carlo Rizzi kann dem London Symphony Orchestra durchaus neue, ungewohnte Klangfarben entlocken. Der in dieser Oper aber so wichtige Streicherklang, der von den Wiener oder Berliner Phiharmonikern so bekannt ist, wird leider nicht erreicht.
Insgesamt eine hervorragende Aufnahme.