Unterschiedlich ist auch die Qualität der Aufnahmen: Dazu ist zunächst zu sagen, dass beide Einspielungen vor dem 18. Geburtstag der Solistin entstanden sind, und so ist auch ihre Interpretation bei beiden Konzerten einfach, schlackenlos, naiv.
Das bekommt Mendelssohn gar nicht schlecht: Hier klingt das Konzert klassizistisch und ehrlich. Zudem nimmt sich der Dirigent hier (aus Rücksicht auf seine junge Solistin?) merklich zurück, auch die Berliner Philharmoniker klingen noch schlank und relativ flexibel, wenn auch nicht übermäßig temperamentvoll. Alles in allem also eine charmante Einspielung.
Anders die etwas später entstandene Aufnahme des Brahms-Konzertes: Hier fängt es schon beim Orchester an: Man merkt, dass Karajan mit dem Konzert viele Jahrzehnte Erfahrung hat (Aufnahmen mit Christian Ferras - zwar nicht raffiniert, aber mit luxuriösem Ton die beste Kombination mit Karajan - und Gidon Kremer - sensibel, aber mehr gegen, als mit dem Dirigenten musiziert) und eine genaue Vorstellung, wie es zu spielen sei. Er ist sichtlich nicht bereit, sich hier irgendwie anzupassen. Das macht dann die Solistin, und so hat man hier den komischen Erfolg, dass bei einem Konzert die Solistin das Orchester begleitet. Dabei spielt sie zwar schön und sauber, aber ohne eigenes Konzept - und das reicht nicht.
Hier hätte Mutter vielleicht von selbst noch zehn Jahre warten sollen, bevor sie dieses Riesenwerk einspielt. Und dann hätte ihr vielleicht auch jemand ihr penetrant großes, unflexibles Vibrato ausgetrieben (ein Konzertmeister von mir sprach mal von der "Quintschaukel"), das bei Mendelssohn komischerweise noch weniger ausgeprägt und störend ist.
Wer eine wirklich adäquate Einspielung von Brahms' op. 77 sucht, sollte zu Oistrach, Kremer (2. Einspielung unter Bernstein mit allerdings reichlich schnellem dritten Satz) oder Viktoria Mullova greifen.
Als dann der Name Anne-Sophie Mutter fiel, war ich zwar verblüfft - aber nicht wirklich überrascht. Hatte ich doch schon vorher von dieser großartigen Geigerin wunderschöne Interpretationen von Bach, Vivaldi und Mozart gehört.
Was ihre Gestaltung des Brahms-Konzerts auszeichnet/e, ist eine unnachahmlich überzeugende Kombination von 'nerviger' (man ist versucht zu sagen: "männlicher") Energie, hoher Intelligenz und lyrischer Souveränität (man ist versucht zu sagen: Zurückhaltung). Bis heute hörte ich keine Version, die an die ihre heranreichen könnte. Sie sei jedem wärmstens empfohlen, der es gerne hört, wenn Verstand und Gefühl in der Musik zwischen Klassik und Romantik eine (fast) ideale 'Ehe' eingehen - und der die Schönheiten des 'Gesangs' einer Geige schätzt und liebt.