Von den einen hochgelobt, von anderen verschmäht - an kanadischen Klaviervirtuosen Glenn Gould scheiden sich die Geister. Unabhängig von dieser ewigen Kontroverse ist seine als „romantisch" verunglimpfte Einspielung des Wohltemperierten Klaviers Teil I von Johann Sebastian Bach meiner Ansicht nach ein wirklicher Gewinn gegenüber den unzähligen historisch-trocken Aufnahmen.Dem oft geäußerten Vorwurf, Gould hätte wichtige Phrasen einfach "weggespielt", kann ich nicht zustimmen. Die Genauigkeit mit der er die Fugenthemen herausarbeitet, seine Bravour im raschen Spiel der rasanten Passagen und die verharrende Innigkeit, die er den ruhigen Stücken zukommen lässt, all dies komprimiert sich zu einem wahrhaft runden Hörerlebnis. Diesem Eindruck konnte ich mich auch nach vielfachem Hören nicht entziehen. Die rücksichtslose und heutzutage immer noch ungewöhnliche Phrasierung, z.B. im ersten Präludium, lässt aufhorchen. Die anfängliche Irritation weicht kurze Zeit später gespannter Aufmerksamkeit und die spleenige Genialität, die Leichtigkeit, mit der Gould den Zuhörer fast motiviert, einfach durchs Zimmer zu tanzen. Entfernte Ähnlichkeiten gibt es mit der legendären Gulda-Aufnahme, die jedoch, wie ich finde, an Goulds nicht heranreicht. Während Guldas Grundstimmung mir arg gedrückt ist, sich meiner Ansicht nach noch zu ängstlich an heutige Erwartungshaltungen anpasst, ist Goulds Ansatz nicht die Begeisterung der Masse. Er sieht sich vielmehr als experimentierfreudiger Interpretationsjongleur, der über mehrere Jahre (1962, 1963 und 1965) in mehreren Takes, das gesamte Werk Stück für Stück vollständig einspielte und sich dabei nicht scheute, alte Interpretationen gegen neue auszutauschen. Komisch mutet es bisweilen an, wenn man - vor allem bei leiseren Stücken - im Hintergrund Gould die Melodie mitsummen hört. Da ist man im Nachhinein erleichtert, das er sich dem Flügel und nicht der Oper verschrieben hat. Den Hörgenuss verleidet diese Ausgelassenheit keineswegs, macht dagegen deutlich, wie sehr man an die moderne Digitaltechnik gewöhnt ist, die jegliche Nebengeräusche rücksichtslos aus dem Klangteppich tilgt. Gehören diese unerwünschten Laute in gewissen Grenzen nicht ebenso zur Musik? Zur eigenen Horizonterweiterung sollte Goulds Version des WTK, trotz aller berechtigter Bewunderung, nicht die einzige Aufnahme dieses Bach-Werks im heimischen CD-Schrank bleiben. Um die Höhe dieses „Olymps" schätzen zu lernen, sollte man gelegentlich manchmal ins „Tal" hinabsteigen und anderen Aufnahmen dieses "opus summum" lauschen, die den traditionellen Hörgewohnheiten eher entsprechen. Als Empfehlung sei hier die Aufnahme mit Angela Hewitt genannt.In seiner üppigen 2-CD-Box nimmt Goulds WTK I im Regal zudem den ihm gebührenden Platz ein. Dank Sony Classical" ist Gould in voller Bandbreite inklusive noch niemals veröffentlichter Aufnahmen wieder im Handel erhältlich. Für die Qualität der Aufnahmen sorgte das Super Bit Mapping Verfahren", wodurch die angestaubten Klänge im neuen Glanz erklingen können. Wer im Besitz mehrerer CDs dieser Gould-Komplett-Edition ist, darf sich über eine hübsche Sammlung kleiner Porträts des Pianisten freuen, die den Tastenkönig „at work" zeigen. Für mich immer ein Gewinn, denn wenn Künstler ein Gesicht bekommen, fällt es leichter, sich mit der Musik zu identifizieren - ein wichtiges Ziel einer Aufnahme. Als zusätzliches Plus bietet die Ausstattung ein informatives Beiheft, das interessante Hintergründe liefert, beim vollständigen „Eintauchen" hilft. Fazit: Absolut empfehlenswert!