Aus Liebe ist Rita Vogt (Bibiana Beglau) in den 70er-Jahren bei einer terroristischen Gruppe gelandet. Ohne selbst wirklich politisch zu sein, hat sie sich eine vage linke Utopie zurechtgezimmert, nach der das Leben in der Bundesrepublik falsch und das in der DDR richtig ist. An ihr hält sie auch dann noch fest, als sie, die nach einigen katastrophal gescheiterten Aktionen Zuflucht bei der Staatssicherheit hat suchen müssen, den DDR-Alltag aus erster Hand miterlebt. Unter falschem Namen richtet sie sich ein im Arbeiter- und Bauernstaat und nimmt dessen Wirklichkeit nie wahr.
Trotz allem, was passiert und was sie selbst getan hat, bleibt Rita eine Idealistin, die nur dem Weg ihrer Träume folgt. Darin liegt die Stärke von Die Stille nach dem Schuss. Ritas Unbeirrbarkeit mag weltfremd sein, aber sie verrät mehr über den deutsch-deutschen Wahnsinn als alle anderen ähnlich gelagerten Filme der letzten zehn Jahre.
Mit Wolfgang Kohlhaase, dem Drehbuchautor einiger Filme von Konrad Wolf, hat Volker Schlöndorff zudem den idealen Partner gefunden. Kohlhaases Lakonie, sein pointierter Witz und seine genauen Beobachtungen ergänzen sich perfekt mit Schlöndorffs sprödem, Effekte meidendem Stil. So konzentriert und aufrichtig wirkte lange kein Autorenfilm mehr.
Aber die eigentliche Entdeckung dieser deutsch-deutschen Studie ist Bibiana Beglau. Ihre Rita ist eine Träumerin und eine Mörderin, sie wird schuldig und bleibt auf ihre eigene Art doch unschuldig. Dank Bibiana Beglau geht das Konzept von Die Stille nach dem Schuss perfekt auf. Sie hält den Film in der Waage zwischen Tragödie und Komödie, Melodram und Groteske, Märchen und historischem Dokument. --Sascha Westphal